Wir verstehen nur Bahnhof: Zeitzeugen-Gespräche im Schalter.

Alle zwei Wochen packt Anselm sein Zoom H1 Aufnahmegerät aus, brüht frischen Kaffee auf und zündet eine Kerze an. Es ist wieder Zeit für seine Schaltergespräche. Gespräche mit Menschen aus dem Quartier, aus Au und Umgebung also, die ihm etwas über den Bahnhof erzählen können. Wir möchten verstehen, welches Erbe wir hier antreten – und wie wir der Geschichte gerecht werden können, die dieser Ort mit sich bringt. Es ist schliesslich nicht irgendein Ort. Es ist ein Bahnhof. Der Bahnhof Au(Sieg). Früher wie Heute ist er unser “Tor zur Welt”. Im Außersten Zipfel von NRW und RLP. Im Grenzland zwischen Windeck und Westerwald. Von hier aus geht es raus nach Köln, Bonn und Siegen. Oder tiefer rein ins Land: Mit der HLB kann man von hier aus quer durch den rheinland-pfälzischen Westerwald bis nach Limburg in Hessen fahren.

10 Jahre hat der Bahnhof mehr oder weniger leer gestanden. Am Ende konnte man hier nur noch Tickets kaufen. Dann war er plötzlich ganz zu. In der Unterführung zu Gleis 2 und 3 begann es, nach Urin zu stinken. Und in den Gebüschen rund um den großen und immer-vollen Pendlerparkplatz auf dem Bahnhofsvorplatz sollte man sich lieber keinen Fehltritt leisten. Au ist leider 1 Hurensohn. So stand es lange mit Edding auf dem Fahrkarten-Automaten geschrieben, der einzigen Infrastruktur, die der Bahnhof derzeit noch zu bieten hat. Irgendwann war der Spruch verschwunden. So viel ging dann doch noch.

Schaltergespräche, Jeden zweiten Mittwoch von 16 bis 18 Uhr.

Was sich für Unbeteiligte wie eine leider gewöhnlich gewordene Geschichte über einen Bahnhof im ländlichen Raum lesen mag, bedeutet für die Menschen vor Ort eine Katastrophe – insbesondere für die älteren Generationen: für all jene, die sich noch erinnern können an Zeiten, in denen der Bahnhof der Dreh- und Angelpunkt des Ortes und der Region war. Damals lud die Deutsche Bahn das Volk noch zu Richtfesten und Jubiläen ein – inklusive Bimmelbahn für Kinder auf dem Bahnhofs-Vorplatz! In der Gastwirtschaft gab es bis spät in die Nacht hinein die leckersten Frikadellen zu essen; und am Kiosk diese ganz besonderen Brausebonbons! Einmal die Woche probte der Gesangsverein im Gastraum, immer unter den wachsamen Augen eines ausgestopften Auerhahns, der genau dort in der Ecke hing. Und vorne bei der Gepäckaufgabe konnte man sich doch tatsächlich mal für 20 Pfennig wiegen lassen, was schnell zum beliebten Pausenfüller zwischen Ankommen und Abfahren wurde. Es war allgemein was los auf den Strassen von Au. Es gab eine Post, einen Metzger, ein Textil-Geschäft. Man kannte sich, man grüsste sich. All das ist, irgendwie, heute vorbei.

Es muss weh tun, wenn man mit ansehen muss, wie ein ganzer Ort stirbt. Wenn man bezeugt, wie langsam das Leben aus seiner Mitte, dem Bahnhof, weicht bis sie ganz still geworden ist und grau. Wenn rundherum die Bewegung aufhört, Geschäfte schliessen und Menschen sich hinter ihren Handies verschanzen. Wenn es sogar anfängt zu stinken – und immer noch keiner etwas dagegen tut.

Wütend auf die Deutsche Bahn sind hier alle, verständnislos gegenüber der Gemeinde Windeck (wahlweise auch der Verbandsgemeinde Hamm) viele: Wie konnte es nur so weit kommen?

Der Bahnhof wird zum Sinnbild eines allgemeinen gesellschaftlichen Sittenverfalls, das im Spiegel der alten Geschichten, die Anselm in seinen Quartiersgesprächen zu hören bekommt, nur um so drastischere Konturen bekommt: Früher war uns ein lebendiges, gesellschaftliches Leben im Ort noch was wert. Heute lässt man die Dinge lieber verfallen und verschanzt sich stattdessen in seinem Büro oder Eigenheim.

Es sind wertvolle Zeitzeugen-Gespräche, die Anselm hier führt. Fünf Männer über 65 erinnern sich. Bringen technische Zeichnungen von Gleisen und Werkzeugen mit, selbstgeschriebene Anekdoten, Bahnhofs-Grundrisse aus dem 19, Jahrhundert. Einer schleppt sogar ein vierzig Zentimer großes Stück Schiene an (wer weiss, was uns dazu noch einfällt!). Ein Anderer lässt wortkarg eine SD-Karte da – darauf unfassbare Beauty Shots vom Bahnhof und seinem vorherigen Leben. Mit jedem Mann kommt ein Stück Geschichte in den Bahnhof zurück, mit jedem Stück Geschichte wächst unser Bahnhofsarchiv. Wir hören. Wir verstehen. Wir halten fest. Wir sammeln. Perspektivisch wird aus der Essenz im September 2026 eine grosse Bahnhofs-Ausstellung entstehen.

Jetzt aber geht es erstmal ums Jetzt. Darum, dass Anselm “das Quartier” kennenlernt – und “das Quartier” die STATION. Denn noch braucht “das Quartier, eben: Anführungszeichen. Der Begriff will mit Leben gefüllt, die Aufgabe genauer verstanden werden. Und dazu spricht man am besten zuerst mit den Menschen.

Also: Willkommen in Anselms Quartiersbüro! Alle zwei Wochen am Mittwoch Nachmittag; Ausnahmen bestätigen die Regel. Mehr Infos hier.

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Magnetfeld Bahnhof: Es wird physikalomagisch!

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Neues jahr, neuer verein. und ‘ne ug noch obendrein! Oder doch nicht?