Magnetfeld Bahnhof: Es wird physikalomagisch!

Wir erleben im Team gerade einen wirklich magischen Moment. Plötzlich ist ein “Sog” aus der Zukunft spürbar, in den wir uns eigentlich nur reinfallen lassen müssen, und der uns mitnimmt hin zu neuen Themen: In sechs Wochen starten mit dem Testbetrieb! In unserem Kernteam geht’s plötzlich um Croissants und Küchenausstattung, um Betriebsplanung und Öffnungszeiten, um Perspektiven und Gehälter. Die Baustelle läuft derweil in autark organisierten Teams weiter (und treibt uns immer wieder aufs Neue Freuden- und Demutstränen in die Augen: Oh Gott, wird das schön! Diese Rundbögen! Diese Fenster! Diese Licht-Installation!). Und wie immer tauchen zum exakt richtigen Zeitpunkt die exakt richtigen Menschen auf – jene Menschen, die unser Vorhaben um ihre eigene Handschrift ergänzen, aufwerten, rund machen, und die damit der gesamten Unternehmung einen Twist geben, den wir ohne sie nicht hätten vorausdenken können. Das Magische daran? Es geht so mühelos! Wir sind im Flow. Und damit irgendwie angebunden an eine Frequenz, auf der es möglich wird, Dinge, wahlweise auch Menschen zu manifestieren. Oder, physikalisch gesprochen, sie magnetisch anzuziehen: Der Bahnhof ist ein Magnetfeld, in dem sich gerade in empfindlicher Weise die Energie konzentriert, was wiederum zu erhöhter magnetischer Energiedichte führt. Und, schwupps, kommt zusammen, was zusammen gehört. Physik eben. Und damit: bewiesen!‍ ‍

Plötzlich zeigen sich: eine exzellente Konditorin aus der Eifel. Ein Innovationsgetriebener Koch aus Hennef. Eine Catering-Expertin aus Waldbröl. Eine Taco-Tuesday-Texanerin aus München. Sie alle bringen kofferweise unterschiedliche Erfahrungen, Ideen und Talente mit, und sind gekommen, um bei uns anzudocken, auf welche Weise auch immer. Parallel dazu heben Menschen aus unserem Baustellen-Team ihre Finger für den Betrieb des Fensters zum Gleis in den frühen Morgenstunden. Ein Hausmeister fällt an seinen Platz. Ein handgeschriebener Zettel im Briefkasten führt zu einem flux verlegten Boden eines ehemaligen Bodenverlegers (Danke, Holger!). Und zu unserem ersten “Kreis Café & Kiosk—Treffen” vor rund zwei Wochen erscheinen so viele Ehrenamtliche, das ein Kreis in Anbetracht des länglichen Raumes gar nicht mehr möglich ist. Also sitzen wir zu 45 im Oval. Während alles andere weiter gespenstisch rund läuft.

Geld und Bezahlung spielen bei all jenem übrigens eine ziemlich nachgelagerte Rolle. Nicht, weil sie nicht wichtig wären. Sondern weil es erstmal Wichtigeres gibt: das gemeinsame Sinn-Stiften. Die guten Aussichten. Den eigenen Beitrag und die eigene Wirkung.

Und weil das so ist, stellen sich die Fragen plötzlich anders:

  • “Was möchte ich beitragen?”, “Was habe ich für Bilder im Kopf?”, “Was wäre mein Best-Case-Szenario?” statt “Was gibts zu tun und was kriege ich dafür?”

  • “Was bräuchtest Du, damit sich Dein Beitrag finanziell am Ende des Monats stimmig anfühlt?” statt “Das wäre dann Dein Stundelohn!”

  • “Könntest Du Dir vorstellen, perspektivisch zur Mitgründerin zu werden?” statt “Wir haben leider nur einen befristeten Vertrag!”

Ich merke: Solidarisches Wirtschaften fängt bei Löhnen und Vertragsgestaltung an! Heisst: nicht alle bekommen per se denselben Stundenlohn, und es gibt auch keine Staffelung nach Expertise in unserer Gastro. Vielmehr finden wir gemeinsam heraus, was denn für die Einzelnen stimmig wäre – gemessen am Einsatz, an der Lebenssituation und den persönlichen Bedarfen. Gut möglich, dass wir demnächst gar im Kreis sitzen, um miteinander aushalten zu lernen, dass ein dreifacher Familienvater vielleicht für denselben Einsatz dreimal soviel verdient wie eine kinderlose Mittdreissigerin, deren Finanzbedarf um ein vielfaches geringer ist. (Für alle argwöhnischen Augen, die hier wahrscheinlich auch mitlesen: Wir halten uns dabei selbstverständlich, so wie jede andere Organisation auch, an die Vorgaben des Gesetzgebers). Ich persönlich freue mich auf diese Gespräche – bislang ist daraus immer etwas Gutes entstanden. Mehr noch: Ich bekomme den Eindruck, dass sie maßgeblicher Teil der “Lösung” sein könnten: Da, wo andere Cafés und Restaurants händeringend nach guten und verlässlichen Köchen und Angestellten suchen, laufen uns die Menschen zu. Weil sie die Vision gut finden. Das Modell. Die Transparenz. Die Menschlichkeit.

Und so gehen wir mit dem Besten-Top-Notch-Team-Aller-Zeiten an den Start, das wir uns schöner nicht hätten träumen lassen können. Für jede Person gilt uneingeschränkt: Es hätte keine/n Bessere/n geben können für den “Job”! You, only you!

Was gibt es Passenderes für eine Sozialarbeiterin, die ein Café mit eigener Handschrift eröffnen will (Sarah), als einen Bahnhof als Standort? Was gibt es Schöneres für einen Kreativen Kopf und Mediendesigner (Anselm), als im Auftrag der Gemeinde Windeck ein “Quartier” zu entwickeln? Was gibt es Geileres für einen Tüftler und Handwerker (Freddy), als altes Gemäuer wiederherzustellen, zu pflegen und in Szene zu setzen? Was gibt es Stimmigeres für einen Konzept-Künstler (Markus), als einen Werkraum und Warteraum zu planen? Was gibt es Belebenderes für einen Senior mit geübten Händen (Ewald), als seine Zeit in guter Gemeinschaft auf der Baustelle zu verbringen? Was gibt es Logischeres für den Vorstand des Kulturhafens direkt gegenüber (Steffen und Olesja), als den Aufbau einer weiteren Kulturstätte im Ort zu ermöglichen? Was gibt es Attraktiveres für eine Zahlen-Coach und Paragraphen-Füchsin (Andrea), als die Finanz- und Organisationsstruktur für ein solch innovatives und komplexes Projekt zu entwickeln? Und was gibt es Wirkungsvolleres für eine Sozialunternehmerin wie mich, als dieses Projekt zu halten und voranzutreiben? Eben: Nichts. Wir sind alle am exakt richtigen Platz. Und deswegen auch so im Flow – oder ist es andersherum?

Was mich persönlich dabei am meisten entzückt: Wir sind uns auch noch menschlich so voll und ganz zugetan! Wer dieses Logbuch schon länger liest, erinnert sich vielleicht an unseren Leitsatz Geiler Scheiss mit geilen Leuten! Kommt vielleicht etwas salopp daher, ist aber völlig ernst gemeint: Es muss sich gut anfühlen im Team! Wir wollen einander aufrichtig mögen, uns aufeinander und aneinander freuen, gerne miteinander Zeit verbringen, produktiv miteinander sprechen und arbeiten können. Und bitte möglichst oft und laut zusammen lachen! Wenn das Team funktioniert, funktioniert auch der Rest. Und zwar nachhaltig.

Langsam drängt sich eine Ahnung auf: Vielleicht geht es überhaupt nur so... Komplexe gesellschaftliche Herausforderungen brauchen gemeinwohl-orientierte Antworten, an denen Viele mitwirken möchten – weil die Perspektive gut ist. Weil's viel Gestaltungs-Spielraum gibt. Weil's obendrein Spaß macht! Dabei ist und bleibt der wichtigste Akteur im Team der Bahnhof selbst. Die Geschichte, die wir hier schreiben, ist vor allem deswegen so groß, weil sie in diesem Bahnhof spielt. An einem Ort, der für sehr viele Menschen sehr wichtig ist; an dem Erinnerungen und Enttäuschungen hängen; der Hoffnungen und Erwartungen weckt. An einem Ort, auf den die Fördergeber abfahren und auf den die Presse von alleine aufmerksam wird. In einem Gebäude, dessen Charme alle unverzüglich erliegen, weil das Potenzial auf den ersten Blick schon sichtbar ist.

Der Bahnhof ist das Magnetfeld. Wir müssen im Prinzip nur achtsam aussähen, wässern, in Beziehung gehen und wachsen lassen. Dann wird’s physikalomagisch!

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Wir verstehen nur Bahnhof: Zeitzeugen-Gespräche im Schalter.