Fulminante Café-Eröffnung & harter Realitäts-Bums

Es ist getan: Wir haben eröffnet! Am 17.4. um 11 Uhr hat unser Stationscafé seinen Betrieb aufgenommen. Am bislang wärmsten Tag des Jahres und mit lauter strahlenden Gesichtern. Schöner hätte es wirklich nicht sein können! Gleichzeitig fährt an diesem ersten Wochenende ein solcher Ruck durch unser System, dass wir alle auf unsere eigene Weise einmal durchgeschüttelt werden. Wir begreifen: Das ist jetzt da. Das geht auch nicht mehr weg. Das ist das Ende unserer heimeligen, geschützten Zeit auf der Baustelle. Und der Beginn einer Realität, in der es um Öffnungszeiten, Preise, Kuchenstück-Größen, Workflows, Kommunikation, Kritikfähigkeit, Menschen & Beziehungen und natürlich um Geld gehen wird. Darauf war ich nicht vorbereitet: Von der Wucht der Erkenntnis getroffen, taumele ich wochenlang wie eine angeschlagene Boxerin durch die Gegend. Einmal voll gegen die Realität gebumst – bei Klappstulle und Sonnenschein… Dabei gäbe es doch allen Grund zur Freude!

  • 17.4.2026, 7 Uhr // Anna & Anselm warten auf den unabhängigen Sachverständigen im Bereich Elektro von TÜV Rheinland, der unsere Elektro-Installation freizeichnen soll. Auf den letzten Drücker, versteht sich. Um 11 Uhr sollen zum ersten Mal unsere Café-Pforten öffnen. Und wir? Sind erstaunlich entspannt. Es ist ein netter Prüfer. Er mag unser Projekt und, natürlich, den Bahnhof.

  • 8.43 Uhr // Wir versenden positiven Prüfbescheid per Mail an die DB.

  • 9.24 Uhr // Wir erhalten von der DB die Erlaubnis zur Nutzung.

  • 10.30 Uhr // Anna verliest über die alte Sprechanlage aus dem Schalter die Erlaubnis zur Nutzung. Zufällig sind gerade auch Bürgermeisterin Alexandra Gauss und erster Beigeordneter Thomas Becher zugegen. Eine schnöde Mail. Ein feierlicher Moment.

  • 11.00 // Wir sind offen. Ab dann: Trubel, Trubel, Trubel. Das ganze Wochenende lang. Es ist schönstes Frühlingswetter. Menschen sitzen draussen auf dem Bahnhofsvorplatz, für dessen Nutzung wir eine Sondergenehmigung beim Ordnungsamt beantragt haben. Zum Glück - für so viel Andrang wäre drinnen nicht ausreichend Platz. Dort stehen die Menschen an der Theke Schlange.

  • An den Wänden hängen Bilder von Helmut Kiessling, die den Bahnhof und seine Umgebung im Verlauf der letzten Jahrzehnte zeigen. Es ist ein Vorgeschmack auf unsere grosse Bahnhofs-Ausstellung im September: Dieser Ort weiss unzählige Geschichten zu erzählen!

  • 220 Cappucino werden wir an diesem Wochenende verkaufen. 3 Bananenbrote. 2 Schoko-Tartes. 5 Apfelkuchen. 19 Cookies. 27 Magic Balls.

  • Wir werden viele Blumensträusse bekommen, Glückwunschkarten, Salz und Pfeffer, spontane Spenden auf unser Vereinskonto, Dank und Lob – so viel Dank und Lob! Jeden Abend fallen wir dankbar und überwältigt ins Bett.

Parallel dazu geht meine Nase zu – so zu, dass ich kaum mehr Luft bekomme. Nachts wache ich mit Hustenanfällen und fieser Atemnot auf. Da hilft nur: Atem verlangsamen. Und nicht in Panik verfallen. Mein Körper spricht eine klare Sprache, während der Mai seine Pollen ein letztes Mal mit aller Kraft in meine Richtung pustet.

Meine Rolle während dieser ersten magischen Café-Tage wird es sein zu sitzen, zu schauen, zu fragen, zu erklären – und natürlich: zu probieren. Der beste Kaffee in der Region! Hafermilch! Decaf! Und natürlich: Der Bahnhof! Die Toiletten! Die Farben an der Wand! Die Einrichtung! Aber auch: Die Preise sind zu hoch. Der Kuchenrand schmeckt verbrannt. Die Stücke sind zu klein. Die Laufwege sind unklar. Ich ernte unzähliges Gäste-Feedback, in meinem Strateginnen-Hirn laufen die Optimierungsideen längst mit. Dann verstumme ich verschämt vor der gerechten Euphorie des Anfangsmoments. Wer will denn da schon der Buh-Mann sein? Überhaupt wird mir klar: Es braucht eine neue Organisationsstruktur, jetzt, wo das Café den Betrieb aufgenommen hat, damit wir nicht in kleine Teams auseinanderfallen. Wir brauchen Räume für uns als Groß-Team, Räume, in denen wir unsere Erkenntnisse und Erfahrungen im Prozess teilen und diskutieren könne, eine ordentliche Gesprächs- und Feedback-Kultur. Und wir brauchen Räume, in denen wir einfach nur Freunde sein können. So wie früher. Vor allem dem Spaß verpflichtet.

Wäre ich nicht so erschöpft, würden mich diese Challenges wach und lebendig machen. Jetzt gerade sehe ich darin nur den nächsten, noch höheren Berg nach unserer Café-Eröffnung. Ich bin müde. Stecker gezogen. Körper schlapp. Da hilft nur wegfahren. Ausruhen. Ausgelassen tanzen gehen. Als mich jemand auf dem Dance Floor fragt, was ich beruflich mache, sage ich: “Lehrerin”.

Heute, knappe drei Wochen später, sieht die Welt schon wieder anders aus. Das Café-Team hat sich in der Küche eingegrooved, die Kuchen werden saftiger, die Auslage breiter. Menschen kommen und verweilen. Wir haben inzwischen eine Kinderecke und ein Klavier. Und die Laune ist insgeasmt richtig gut. Am Horizont zeichnen sich bereits die nächsten Themen ab: Mitglieder. Spenden. Kulturprogramm. Während wir alle miteinander bewusst den Atem verlangsamen.

Nicht in Panik verfallen. Eins nach dem Anderen. Alles zur richtigen Zeit.

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Wir lassen die katze aus dem Sack: Das nö Theater spielt stück über die deutsche bahn.

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Verstärkung für kiosk-team gesucht!